N.A.H.T.Z.U.G.A.B.E.

*seufz*
Lange habe ich mit mir gehadert, ob ich einen Post dazu verfassen soll…
…ist sie doch ein heikles Thema. Mit so vielen verschiedenen Interpretationen, Nutzungen, Herangehensweisen.
Ich würde sagen: Nichts polarisiert in der Näh(-fb- und blogger-)Welt gefühlt so sehr wie die Nahtzugabe.
Zu keiner Sache gibt es mehr Misverständnisse, individuelle Gewohnheiten, unterschiedliche Lehransätze, eindeutige Meinungen, fast schon Glaubensrichtungen und Streit.
Ich tue es trotzdem 🙂

Denn, sollte ich eine FAQ-Liste erstellen, wären folgende Fragen garantiert ganz oben auf der Liste:
– Beinhalten Deine Schnitte eine Nahtzugabe?
– Warum beinhalten Deine Schnitte keine Nahtzugabe?
und (und da zucke ich, wie ihr spätestens nach Lesen dieses Post vielleicht verstehen werdet, immer zusammen):
– kann ich die Größe XY nicht einfach ohne Nahtzugabe nähen?

Ich will einmal versuchen, diese beiden letzten Fragen zu beantworten.
Dafür muss ich allerdings etwas weiter ausholen 🙂

Also: Tief luftholen, Tee oder Kaffee dazuholen, und weiterlesen zu den Teilfragen:
– was ist eigentlich diese Nahtzugabe?
– Exkurs: was sind eigentlich diese Linien im Schnittmuster?
– wie wird genäht und welchen Einfluss hat das auf die vorherige Wahl der Nahtzugabenbreite?
– Warum beinhalten meine Schnitte keine Nahtzugabe?


Was ist denn eigentlich diese Nahtzugabe??
Nun, schlicht gesagt ist sie der Stoff, den ihr an einem genähten Kleidungsstück neben der Naht noch überstehen seht (mal versäubert, mal nicht). Der Stoff, den man beim Nähen rechts von der Nadel benötigt, um an einer bestimmten Stelle nähen zu können (laut Schnittmuster) und den man folglich beim Zuschneiden von später zu vernähenden Stoffstücken für ebendiese Nähte zugibt (denn auf der Stoffkante kann man ja schlecht nähen).
Soweit die nackte Definition.

Exkurs: was sind eigentlich diese Linien im Schnittmuster?
Die Linien in einem Schnittmuster – sei es für ein Kleidungsstück, eine Tasche, ein Stofftier oder ein schlichtes Utensilo/Brotkorb – stellen (bis auf wenige Ausnahmen…und sehr verallgemeinernd gesprochen) Nähte dar. Sie werden von den jeweiligen Schnittmusterentwicklern genau so gezeichnet/gesetzt, dass ein Kleidungsstück/Stofftier/Accessoire, wenn an dieser Stelle zusammengenäht, hinterher genau so-und-so aussieht. Da haben sich die betreffenden Personen in der Regel etwas bei gedacht, und das Verändern dieser Linien, also das Nähen an anderer Stelle, führt immer dazu, dass das fertig genähte Kleidungsstück/Stofftier/Accessoire NICHT aussieht, wie vom Designer gedacht.
Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass man Schnittmuster nicht anpassen dürfte.. aber sagen wir es gibt sinnvolle/legale Anpassungen (z.B. an den eigenen Körperbau oder individuelle Bedürfnisse) und eher suboptimale, oft ungewollte, „illegale“ Anpassungen, die dazu führen, dass der Schnitt unberechenbar verändert wird und das Resultat dann eben auch ganz anders wird. Aber mehr dazu später.
Folglich wäre der Plan beim Nähen nach einem Schnittmuster also, sich an besagte Linien zu halten 🙂

Wie wird genäht und welchen Einfluss hat das auf die Wahl der Nahtzugabenbreite?
Ok, spätestens hier entfacht ein Glaubenskrieg.
Es gibt nämlich etliche Arten zu nähen!
Nochmal: unser Ziel an dieser Stelle ist ja, entlang der Schnittmusterlinien zu nähen, richtig?
Das tun unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise, und ich bin der gefestigten Meinung, dass das einfach jeder so machen muss, wie es für sie/ihn am besten funktioniert – mit besagtem Ziel, nämlich auf der Schnittmusterlinie zu nähen.

Die Frage ist eigentlich: Woran orientiere ich mich beim Nähen, um auf besagter Schnittmusterlinie zu nähen?
VARIANTE 1: ich orientiere mich beim Nähen an meiner Nadel
Wer sich beim Nähen an seiner Nadel orientiert, malt sich in der Regel die einzuhaltende Schnittmusterlinie direkt auf seinen Stoff, und fährt mit der Nadel auf ebendieser Linie entlang.
Manche sagen, das sei gerade für Anfänger die sicherste, und generell die genauste Art zu nähen.

In diesem Beispiel ist es relativ egal, wie breit die Nahtzugabe rechts von der aufgemalten Linie ist, Hauptsache, da ist noch was (mindestens 0,5cm), damit der Stoff nicht an der Naht ausreisst. Und zurückschneiden/einschneiden/bearbeiten kann man die Nahtzugabe hinterher immernoch.
Das Zuschneiden ist mit dieser Variante sicherlich am wenigsten umständlich. Denn: Man zeichnet sich seine Schnittmusterlinien auf den Stoff und schneidet dann grob außen herum den Stoff zu (ohne sich dabei an eine bestimmte Breite halten zu müssen).

VARIANTE 2: Ich orientiere mich beim Nähen an Nadel und gewähltem Stich
…was eigentlich der Variante 1 entspricht, mit dem einzigen Unterschied, dass die Breite der Nahtzugabe eben genau dann eine Rolle spielt, wenn ich beispielsweise an der Nähmaschine nähen und versäubern möchte, z.B. einen breiten ZickZack, einen Overlockstich oder ähnliches verwende.
Beispiel: Meine Nähmaschine besitzt einen Overlockstich. Dieser ist genau 0,6cm breit.
Folglich sollte meine Nahtzugabe dann eben auch 0,6cm betragen. Sprich: Beim Zuschneiden male ich mir meine Schnittmusterlinie auf den Stoff auf (weil ich mich eben beim Nähen an der Nadel orientiere) und schneide dann den Stoff so zu, dass außerhalb der aufgemalten Schnittmusterlinie genau 0,6cm Stoff sind.

VARIANTE 3: Ich orientiere mich an meinem Nähfußrand, einer Kerbe in meinem Nähfuß, oder meiner Nähplatte
Wenn ich mich beim Nähen nicht an der Nadel orientiere, sondern an meinem Nähfußrand, einer Kerbe im Nähfuß, der Nähplatte oder ähnlichem, dann muss ich, um richtig Zuschneiden und später auf der Schnittmusterlinie nähen zu können, den Abstand dieses Orientierungshilfmittels zur Nadel kennen.
An der Nähplatte steht es dran, bei den anderen Dingen kann man eine Testnaht setzen und den Abstand messen. Die meisten Nähfüße haben vom rechten Rand zur Nadel in der mittleren Position einen Abstand von 0,7cm und zur Nadel in der linken Position 1cm (sagt man).
Warum: „Sagt man“?
Weil das leider je nach Nähmaschninenhersteller, Nähmaschine, gewähltem Nähfuß und gewähltem Stich/Nadelposition variiert.
Bei meiner Brother sind es mit dem Standardnähfuß „J“ zum Beispiel 0,8cm in der mittleren Nadelposition und 1,1cm in der linken Nadelposition.

Wenn ich mich beim Nähen also z.B. am rechten Nähfußrand orientiere, dann muss ich mir die Schnittmusterlinie nicht auf meinen Stoff aufmalen. Ich muss lediglich sicherstellen, dass ich meine Zuschnitte mit einer Nahtzugabe außerhalb der Schnittmusterlinie versehe, die genau dem Abstand meiner Nadel zu meiner Orientierungshilfe (Nähfußrand/Nähfußkerbe…) entspricht.

Wenn ich so nähe, spricht man übrigens auch von diesem ominösen „nähfußbreit nähen“ 😉 

Ich schneide also z.b. 0,7cm mehr zu und führe dann beim Nähen den Stoff am Nähfußrand entlang. In der Folge landet meine Naht genau an der Stelle, an der die Linie im Schnittmuster verläuft.

und dann sind wir schon bei:
Warum enthalten meine Schnitte keine Nahtzugabe?
Na?
Erschließt sich jetzt von selbst, oder?
Weil ich nicht weiß, womit ihr näht und woran Ihr Euch beim Nähen orientiert. Und weil ich es Euch nicht vorgeben möchte. Deshalb.
Weil die Abstände zum Nähfußrand bei manchen Maschinen 0,7cm sind, bei anderen 0,8cm, wenn jemand das Shirt mit einem speziellen Overlockstich an der Nähmaschine näht auf einmal nur 0,5 oder 0,6cm…an der Overlock tendenziell eher wieder 1cm.

Wenn ich jetzt hergehe, und bei meinen Schnitten überall eine Nahtzugabe von 0,7cm hinzufüge, und das ins Schnittmuster/die Anleitung hineinschreibe…dann ist das für den Zuschnitt einfacher für diejenigen, die mit einem Abstand von 0,7cm nähen. Mag sein.
Aber für all diejenigen, die einen anderen Abstand haben, an dem sie sich beim Nähen orientieren, bedeutet es rechnen.
Rechnen und dann den Schnitt „umzeichnen“…Beim Zuschneiden etwas vom Schnitt wegnehmen müssen, weil man halt leider nur mit 0,5cm Abstand näht, nicht mit den eingebauten 0.7cm…oder doch wieder etwas hinzufügen beim Zuschneiden, weil man den Abstand von 1cm benötigt.
Und diejenigen, die sich beim Nähen an der Nadel orientieren???
Die müssten bei Schnitten, bei denen eine Nahtzugabe inklusive ist, sich ihre Linie doch wieder dazuzeichnen (den Schnitt um die inkludierte Nahtzugabe reduzieren), weil sie ja sonst nichts haben, woran sie mit der Nadel entlangfahren können…

Neeneenee.
Meine Schnitte (und viele andere) gibt es genau deshalb nur ohne eingerechnete Nahtzugabe.
Damit jeder sich seine Nahtzugabe wählen kann, wie oben beschrieben. Eben, wie er/sie sie braucht.

So. jetzt sind wir schon ganz schön weit gekommen..
…meine Vermutung wäre, dass der/die Ein oder Andere durch die obenstehenden Ausführungen jetzt eventuell schon von ganz alleine darauf kommt, warum das vielumwobene Nähen ohne Nahtzugabe so’ne Sache ist…
ich werde dem trotzdem noch einen eigenen Post widmen, glaube ich 😉

0 Kommentare

  1. Ganz toll beschrieben, ich wünschte so etwas hätte ich zu meinen Nähanfängen mal gefunden… Mittlerweile hat man sich natürlich sein System eingerichtet. Danke für diese ausführliche Beschreibung! Ich habe auch ein paar Schnittmuster mit NZ hier und muss sagen, dass ich die, vor allem nach deiner Ausführung, ziemlich unpraktisch finde :-/

    Lieben Gruß
    Eva

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